Als Kind lag ich oft noch wach im Bett neben meinen Großeltern. Es waren nicht meine richtigen Großeltern, aber mir dennoch ans Herz gewachsen. Oma, erzähl vom Krieg, bat ich. Ich musste immer mehrmals bitten. Was sie erzählte, waren die Geschichten kleiner Leute. Von Not, von Sorgen, vom Glück, davongekommen zu sein. Und mit einer Lehre für mich: die da oben, der wahnsinnige Hitler, die haben den Krieg gemacht. Und wir haben die gerechte Strafe bekommen, weil wir angefangen haben. Tilo, so meinte sie, hoffentlich gibts keinen Krieg mehr. Es würde wohl der letzte sein.
Mit 14 stand ich vor der Ruine der Frauenkirche. Ich habe, wie das in diesem Alter sicher nicht ungewöhnlich ist, meine Wurzeln gespürt. Mein Gestern. Und mein Heute. Angesichts dieser schwarzen Reste, die jeden Versuch, daraus ein Ganzes denken zu wollen wegtrümmerten. Was die Großmutter erzählte, was in schrecklichen Schwarzweissbildern im Geschichtsbuch zu sehen war: hier war es ganz nah. So sah die gesamte Stadt aus, so sah und so sieht er aus, der Krieg, der nicht gerecht oder ungerecht oder gar zu rechtfertigen ist. Der Krieg, der einfach nur grausam ist und den man vermeiden muss, denn wenn einer gewinnt, dann nicht meine Großmutter oder ich oder meinesgleichen.
“Ihr Dresdner, ihr Zwerge kommt zuletzt in die Särge”, erzählte sie mir, hätte es geheissen im Lande. Und in der Stadt eine irre Hoffnung, angesichts des nahenden Endes und des bisherigen Glückes vielleicht nicht zerbombt zu werden.
Der Opfermythos muss also weg?
Ich bin vielen Menschen begegnet. Und ich habe mit vielen über die Zerstörung meiner Stadt gesprochen. Ich habe sie nicht getroffen, die Opfermythologen. Die, die sich selbst für unschuldig erkären: wo sind sie? Kennt jemand jemanden, der jemanden kennt?
Ich habe Erwägungen gehört, warum Dresden wohl zerstört wurde. Rein aus Böswilligkeit wurde nie unterstellt. Immer aber stand die Frage im Raum, ob es nötig war. Ob der Krieg durch diese Bombardierungen verkürzt wurde. Ob die Zahl der Toten so zwar hier gewaltig, insgesamt aber doch weniger wurde. Und ich habe immer die Warnung gehört, das eine Sache, die in der Zerstörung einer Stadt mündet, das so eine Sache nicht mehr sein dürfe. Eine Erkenntnis, in Demut vor den noch zu sehenden Ruinen an mich weitergegeben.
Die Frauenkirche steht wieder. Und schneller, als wir Nichtfreunde des Wiederaufbaues ahnten, vollbringt der wiedererstandene Dom der Deutschen Christen sein Werk: die Demut schwindet. Wer seinen Kopf aus Entsetzen vor den Zerstörungen neigt, wird plötzlich zum Auschwitzrelativierer. Zum Verkünder und Gläubigen des Göbbelsschen Opfermythos. Zu jemandem, der den durch den Angriff am Leben gebliebenen letzten Jüdinnen und Juden nachträglich den Tod wünscht.
Ich frage die Wissenden und ach so aufgeklärten Mythosjäger: War die Zerstörung gerechtfertigt? Kommt da ein ganz leises ja über eure Lippen? Es kann also, damals wie heute, Situationen geben, in denen ein Flächenbombardement gerechtfertigt ist? Wie viele Tote wärt ihr heute bereit in Kauf zu nehmen? 25000? 10000? 500? 20? Und wenn nur ein Gerechter in der Stadt wäre? Auch dann? Krieg ist also, wenn man nur auf der richtigen Seite steht, wieder denkbar und machbar geworden?
Ja, so meine ich: Wenn ihr jemanden trefft, im richtigen Leben, nicht in eurer Phantasie, der die Deutschen und die Dresdner für schuldlos hält, dem schlagt rhetorisch aufs Maul. Wenn ihr aber meint, auf die Schuld der Dresdner stünde die Todesstrafe und diese oder irgendwelche anderen Bomben seien zu Recht gefallen, dann weicht mir vom Leibe. Denn dann macht ihr Kriege wieder denkbar, machbar, notwendig. Und diesen Gedankenschmutz will ich nicht an mir kleben haben.
Anmerkung: “Dom der Deutschen Christen” geändert nach Hinweis von Achim Wesjohann