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Die Einsamkeit linker Atheisten

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Ja, das ist mir schon klar. Wir sind nicht nur mit einer „Idendität“ ausgestattet, sondern pflegen immer mehrere Zugehörigkeiten. Aus dieser Dienerschaft zu vielerlei geistigen Herrschaften formt sich unsere Persönlichkeit, und wir können sie sogar ganz frei gestalten, in dem wir Zugehörigkeiten beenden oder neu annehmen.

Nach diesem Einleitungssatz will ich mich eigentlich nur auf zwei Idenditäten konzentrieren. Die als Linker, der sich unter anderen Linken zurechtfinden muss, wäre die politische Idendität, und die als Atheist. Die zweite ist nicht zufällig, sie ist schwer errungen, wie ich hier näher ausführe. Die atheistische wäre dann die weltanschauliche Idendität.

Natürlich stellt sich bei allen Idenditäten, die man pflegt, immer die Frage ob sie zueinander passen und wenn nicht, wie wichtig diese Reibungen sind.

Betrachten wir die Welt einmal aus den Augen einer christlichen Idendität heraus. Und zwar: Betrachten wir konkret die Frage der Zuwanderung von islamischen Gläubigen.

Plötzlich taucht im gesellschaftlichen Sektor der Religiosität eine Konkurrenz auf. Wie wird man reagieren? Wie umgehen mit deren überall auftauchenden selbstbewussten religiösen Äußerungen?

Nun, es sind zwei gegensätzliche Haltungen dazu denkbar. Die eine, wohl als reaktionäre Reaktion beschreibbar, wird versuchen die Exklusivität des Christentums zu betonen und die fremde Religion abzustoßen. Die andere, moderatere, wird in der verstärkt auftretenden Religiosität die Chance wittern, den seit Jahren zurückgehenden Einfluss des Religiösen wieder zu stärken und davon selbst zu profitieren.

Aus atheistischer Sicht ist die zweite Sichtweise fatal. Denn die mühsam erkämpfte Grenzziehung zwischen dem uns alle repräsentierenden Staat und der ins Private verwiesenen Sphäre des Religiösen droht zerstört zu werden. Und zwar von moderaten Christen, Menschen also, die sich sehr oft in ihrer politischen Idendität links verorten würden.

Das die atheistische Linke hier aus einer bedauerlichen Defensive heraus agiert ist übrigens keine neue Erscheinung. Deutlich wurde dies bereits vor längerer Zeit in der Debatte um die Knabenbeschneidung, zu der ich mich hier und hier geäußert habe. Immer dort, wo religiöse Übergriffigkeit mit linken Argumentationsmustern unterfüttert wird kann man die Unterschiede in der weltanschaulichen Idendität zwischen atheistischen und religiösen Linken deutlich erkennen.

Eine ähnliche Defensive war in der Flüchtlingsdebatte erkennbar und setzt sich bis heute in der Frage des Umganges mit zugewanderten Menschen fort. Während das linkschristliche Milieu die Zuwanderung komplett begrüßt werden Bedenken atheistischer Kreise aus eben diesem Milieu heraus dämonisiert und in die Nähe von Rassismus gerückt. Das Ergebnis war und ist der Zustand, der die Linke dann insgesamt angreifbar gemacht hat wegen ihres angebliches Schweigens zu islamistischen Terroranschlägen.

Der Vorwurf der Nähe atheistischer Kritik an der religiösen Wiederbesetzung öffentlicher Räume zu extrem rechten Positionen ist deshalb so verheerend, weil er auf den ersten Blick glaubhaft zu sein scheint.

Denn während atheistische und moderat-christliche Positionen auf der linken Seite nicht vereinbar sind rücken sie auf der rechten Seite eng zusammen. Dort, im Abwehrkampf rechter Christen gegen die fremde Religion, politisch rechts eingestellter Menschen gegen das Fremde an sich und atheistischer Menschen gegen das Wiedererstarken von Religiosität besteht ein hohes Übereinstimmungspotential. Die fast vollständige Usurpation linker Positionen durch das linkschristliche Milieu hat linke Atheisten deswegen sehr einsam gemacht.

Interessant in dem Zusammenhang hier ein aktueller Artikel aus der taz.

Es geht hier um eine kritische Sicht auf christliche Privilegien aus der Perspektive einer anderen Religion. Nur zwei Zitate:

Mit „Christen“ meine ich hier nicht nur sehr gläubige Leute, die jeden Sonntag in die Kirche gehen, sondern alle Christen. Die eigene religiöse Identität nicht bewusst wahrnehmen zu müssen, weil man nicht diskriminiert wird, ist auch Teil christlicher Normativität. Auch Atheisten und Menschen anderer Religionen, die als christlich gesehen werden, weil sie christliche Namen haben oder „so“ aussehen, genießen einen Teil christlicher Privilegien – ob sie wollen oder nicht.

Aus Sicht einer Minderheitenreligion erstrecken sich also religiöse Privilegien auch auf atheistische Menschen. Dass diese nicht darum gebeten haben, sich seit Generationen sogar in einem Kampf gegen diese Privilegien befinden und sie inzwischen weit zurückgedrängt haben wird kühl ignoriert. Logisch, man hat ja nichts gegen Privilegien von Religionen. Man würde sie auch sofort ausweiten, wenn man nur selbst etwas davon abbekommt. Deswegen sind die Kämpfer:innen gegen diese Privilegien auch Gegner, Ungläubige halt, die man in solcher Weise diskreditieren kann.

Es gibt noch Dutzende solcher Fragen. Die wichtigste: Kannst du leugnen, Privilegien zu haben, während die Konsequenzen deiner Ignoranz andere ausbaden? Niemand leugnet, dass Christen in China, Pakistan, Indien diskriminiert werden. Das heißt aber nicht, dass man nicht darüber sprechen darf, dass Deutschland seit 15 Jahren von einer explizit christlichen Partei regiert wird, Kirchen genießen Sonderrechte, in zahlreichen Gerichten und Schulen hängen Kruzifixe, und wenn der Lehrer mit Kreuzkette ankommt, ist auch alles normal. Aber wenn eine Frau mit Kopftuch das Klassenzimmer betritt, ist religiöse Neutralität plötzlich bedroht. Außer natürlich, sie ist zum Putzen da. Statt „Frohe Weihnachten“ ist mein Wunsch: Hinterfragt die Norm

Hinterfragt die Norm? Die Schreiberin des Artikels hinterfragt nicht mit einer Silbe ihre religiöse Norm. Sie will die selben Privilegien wie jede andere Religion, besser: wie das Christentum hierzulande und nimmt nicht zur Kenntnis, dass Kreuze an Gerichten und Schulen durch Klagen mutiger Menschen längst nicht mehr erlaubt sind und nur durch penetrante Übergriffigkeit einzelner christlicher Menschen immer wieder angebracht werden und das es eben für atheistische Menschen nicht normal ist wenn eine Lehrperson mit Kreuzkette kommt und genausowenig wenn eine Lehrerin mit Kopftuch unterrichtet.

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