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Da bin ich nicht einverstanden, Genosse.

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Dietmar Bartsch möchte Parteichef werden. In diesem Zusammenhang gab er ein Interview, aus dem hier die beiden letzten Absätze zitiert seien:

WeltOnline: Der vielleicht einzige Erfolg der SED ist die Entchristianisierung in der ehemaligen DDR. Wie kommt es dann, dass die Leute so zäh an dem Brauch Weihnachten festhalten?
Bartsch: Ich bestreite, dass das ein Erfolg der DDR ist, überhaupt ist Entchristianisierung nicht mit dem Begriff Erfolg zu verbinden. Weihnachten ist ein Fest mit einer großen Tradition. Ich finde, diese christlich-abendländische Tradition sollten wir in jedem Fall beibehalten. Sie hat zu tun mit Nächstenliebe, mit Menschlichkeit, mit Besinnung. Das Weihnachtsfest ist etwas Besonderes.
Welt Online: Wer war Jesus Christus?
Bartsch: Er war jemand, der für die Armen und Entrechteten, für Frieden und für eine gerechte Welt gekämpft hat. Und ich glaube, dass es hilfreich für jeden ist, hin und wieder mal in die Bibel zu schauen, was da von Jesus Christus steht.

Das liest man und wundert sich. Und ich bin nicht einverstanden. Ich will es in einfache und deutliche Worte packen: Ich fühle mich hier von Dietmar Bartsch gehörig in den Arsch getreten. Ich bin Atheist. So, wie ich Menschen mit anderer Weltanschauung achte, so verlange ich von anderen auch, meine Weltanschauung zu achten. Und die Mitteilung, es sei für mich hilfreich, ab und zu einmal in die Bibel zu schauen ist für mich grotesk. Ich will nicht die gesamte Breite der säkularen Diskussion darstellen. Aber ich erwarte von jemandem, der mein zukünftiger Parteivorsitzender werden will etwas mehr als die Verkürzung der „christlich-abendländischen Tradition“ auf Nächstenliebe, Menschlichkeit und Besinnung. Ein Buch, das als Begründungshintergrund für Krieg und Unterdrückung genausogut funktionierte wie für Frieden und Widerstandskampf kann keine ernsthafte Option zur Orientierungssuche für aufgeklärte Menschen sein. Ich zitiere aus einem anderen, aktuellen Werk:

Die bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts erstrebten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegen religiöse Dogmen und Privilegien des Adels. Humanismus und Aufklärung, Menschenrechte und Demokratie waren bestimmend für die Arbeiterbewegung und die Frauenbewegung.

Das aktuelle Programm der LINKEN im einführenden Kapitel „Woher wir kommen, wer wir sind“ beschreibt diese Wurzel unserer Partei. Wer als Christ argumentiert, darf so reden wie Dietmar Bartsch. Wer als Christ in der LINKEN redet, hat immer noch alles Recht, seine politische Haltung aus einem christlichen Wertehintergrund abzuleiten. Wer aber in einem Interview als Kandidat für den Parteivorsitz die religiöse Neutralität verletzt, begeht vor der Geschichte und vor vielen  atheistischen Mitgliedern einen schweren Fehler.

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6 Kommentare

  1. Liebe Leute. Kein geringerer als unser verehrter Bert Brecht hat auf die Frage nach dem spannendsten Buch geantwortet: „sie werden lachen, die Bibel“
    Was dich, Tilo betrifft bist du ein richtiger ordentlicher Atheist. Und das ist natürlich legitim. Und aus dieser Sicht ist deine Reaktion verständlich, wenngleich politisch problematisch. Was ist die Neutralität? Heißt das, die Bibel sei für Linke so etwas wie für den Teufel das Weihwasser? Wohl nicht. Sie ist ein Menschheitsbuch wie wenige andere. Im Übrigen – und dast du nicht richtig verstanden – hat Dietmar Bartsch von Jesus gesprochen, nicht von der Religion, dem Christentum. Dieser Zimmermann Jesus, sollte er gelebt haben, und ich glaube, dass er gelebt hat, wenn auch ein bisschen anders als die Legenden erzählen, war sicher ein gläubiger Mensch wie damals wohl alle Menschen und heute mindestens achtzig Prozent der Menschheit. Aber eigentlich ist alles, was wir von seiner Botschaft überliefert haben, einschließlich der nicht kanonischen Bücher, weniger, ja fast gar nicht auf Gott gerichtet, sondern auf den Menschen. Und wir finden Gott nicht einmal wirklich im Legitimationszusammenhang. (Mal das Pilatus-Verhör lesen wäre gut) Ich meine das ernst: man kann (für sich) Jesus folgen ohne religiös zu sein. Des „Menschen Sohn“ wäre dann viel mehr als eine Metapher. Denn es ist der Kern der Botschaft.
    Und den kann man auch ohne den religiösen Kontext verstehen. Das geht im Übrigen (im Konkreten freilich unterschiedlich) auch bei Mohammed nicht anders, auch nicht bei Buddha, Zoroaster, Mani und genau genommen auch nicht bei Karl Marx und seiner „historischen Mission“.
    Ob man Dietmar Bartsch für den Parteivorsitz haben will oder nicht ist eine andere Sache. Es kommt dabei wohl die Alternativen an.
    Mit Grüßen, Bernd

  2. Dass D. B. stromlinienförmig bis zur Unkenntlichkeit sein kann, hat er ja schon längst unter Beweis gestellt. Aber es ist aus einem Artikel eben im Nachhinein nicht zu entnehmen, ob für das Thema Religion überhaupt ein größerer Platz vorgesehen war. Allerdings sind die wenigen Äußerungen nicht geeignet, zu belegen, dass er im Sinn der Linken aus dem Thema was gemacht hat, statt nur den Mainstream zu bedienen. Tatsächlich ist Weihnachten ein Sonnenwendfest, dass von der frühen Kirche vereinnahmt wurde, weil man es anders nicht los wurde. Aus den vom Fragenden konstruierten Widerspruch hat er nichts gemacht, um zu zeigen, dass die Festtagspraxis sich vom Glauben gelöst hat und eben dann keine christlich – abendländische Tradition mehr ist, sondern etwas inhaltlich Neues – befreit von Gespensterglaube.

    Allerdings ist der oberlehrerhafte Ratschlag, „in die Bibel zu schauen“, ein an Oberflächlichlichkeit nicht überbietbarer Hinweis. Mit dem Hineinschauen kommen vielleicht Durchschnittsgläubige zurecht, zur persönlichen Erbauung. Aber wer die Bibel mit irgend einem Nutzen in die Hand nehmen will, kommt nicht umhin, mit hoher Anspannung in die Tiefer der Widersprüche und Ungereimtheiten vorzudringen, bevor es ihm gelingt, den Goldstaub aufzuspüren, der dort auch zu finden ist.

    Auf eine solche Argumentationslinie ist D.B. nicht eingeschwenkt – er hat offenbar zuerst sich selbst ins Gespäch bringen wollen.

    D.B. – der Mann, der Dinge sagt, die ich von anderen Mitgliedern seiner Partei schon genauer gehört habe.

  3. Warum soll man nicht hin und wieder in die Bibel schauen? Da schaue ich hinein wie in jedes andere Buch mit schönen Geschichten. Und wie jede Literatur können diese Geschichten lehrreich sein, man kann sie gründlich missverstehen oder sie sind tatsächlich falsch und irreführend.Man kann daraus Glauben und Religion ableiten, man kann darüber träumen oder die Nase rümpfen. Jedenfalls reflektieren sie Menschheitserfahrung, egal ob sie erfunden sind oder sich tatsächlich so zugetragen haben.

  4. Ich finde dieses nachgequatsche erzkonservativer, klerikaler und anmaßender floskeln durch den bewerber auch unpassend. ab und zu den kopf mal einschalten statt ihn nur in die kamera halten ! von mir aus darf jeder christ oder muslim sein wie er will. wenn er mir aber erzaehlt, sein bekenntnisbuch sei eine richtschnur, die bei mir fehle, hört der spaß auf. so einen parteichef brauche ich nicht.

  5. Ja und, wogegen argumentierst du? Quasireligiöse Verehrung sozialistischer Führer ist mir fremd, und du wirst sie bei der LINKEN nur bei einigen wenigen Verwirrten finden. Deshalb ist deine Gegenüberstellung ohne Inhalt. Verfahren wir mit der Bibel so wie mit allen anderen Werken, dann ist doch alles gut. Aber in der Praxis ist es anders: da laufen Heerschaaren staatlich alimentierter Verkünder herum und wollen mir einreden, das Buch einer religiösen Minderheit, zu der ich nicht gehöre, sei auch für mich gut. Das kennen wir doch in der Form von früher, oder?
    Ansonsten will ich von Funktionären meiner Partei eine absolute Gleichbehandlung aller Religionen und Weltanschauungen. Wer auch nur in kleinsten Spuren eine davon erhöht, der erniedrigt alle anderen.

  6. Rätsel nun schon ein Weile über der Frage, ob man als Individuum überhaupt einen Fehler VOR der Geschichte als solche machen kann. Die Geschichte der Menscheit ist zweifellos voller Fehler von Menschen. Viele und bei weitem nicht alle Fehler sind aber nur Fehler aus der subjektiven Sicht des einzelnen Betrachters…

    Whatever. Ich denke, Dein Blogbeitrag bedient Deinen atheistischen Reflex. Es lohnt immer ein Blick über den Tellerrand (also auch mal in die Bibel). Vielleicht findet sich dort etwas, was man in die eigene Argumentation aufnehmen oder zumindest akzeptieren könnte.

    Zitat: „Ein Buch, das als Begründungshintergrund für Krieg und Unterdrückung genausogut funktionierte, wie für Frieden und Widerstandskampf, kann keine ernsthafte Option zur Orientierungssuche für aufgeklärte Menschen sein.“

    Mit Deiner Argumentation muss ich auch sämtliche Werke von Marx und Engels als „ernshafte Option zur Orientierungssuche“ per se ablehnen. Weiter begründen muss ich das nicht, das macht die „Geschichte“. 😉

    Was im Buch allgemein steht, ist das Eine. Was man daraus macht, ist das Andere. Gilt für die Bibel, wie auch für sozialistische Werke.

    Die Bibel hat annähernd 2000 Jahre Geschichte und Zeit, damit Fehler zu machen. Mit den Gedanken von Marx hat man in kürzester Zeit (weniger als 200 Jahre) soviele Fehler gemacht, dass sie in den nächsten 200 Jahren als schwerer Fehler vor der Geschichte und vor allem in Erinnerung der Menschen bleiben werden.

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