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Die Ein- und Auswanderung der Arbeiter

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Die Auswanderer sind die unglücklichsten Glieder der großen Arbeiterfamilie. Es wäre unsozialistisch, noch Maßregeln gegen sie zu verlangen; wir müssen ihnen vielmehr zu Hülfe kommen.

Ein französischer Delegierter namens Morel sagte das, 1907, in der Diskussion einer Kommission des Internationalen Sozialistenkongresses zur Frage der Ein- und Auswanderung der Arbeiter. Bedarf an dieses Diskussion und einer Stellungnahme des Sozialistenkongresses bestand, weil es für die organisierten Arbeiterinnen und Arbeiter in einigen Ländern schwer wurde, die bereits errungenen sozialen Standards aufrechtzuerhalten. Sie waren mit einer so großen Einwanderung konfrontiert, dass die zu spürende Konkurrenz der offenbar mit viel weniger Lohn zufriedenen Einwanderer kaum auszuhalten war.

Zu meinem 35. Geburtstag, 2005, schenkte mir Christoph Anders ein kleines Heftchen, das sich vorher in der Bibliothek des Kulturbüro Dresden befand. Es handelte sich um einen Nachdruck des hier im Ursprung zu lesenden Heftchens der Mitschriften des Kongresses. Der Gedanke war wohl, mich Zufallssozialisten anlässlich des hundertsten „Geburtstages“ dieses Kongresses auf die Schultern der großen Vorfahren zu stellen.

Wir haben wieder eine Zuwanderungsdebatte. Und liest man die Diskussionsbeiträge in mancher Kommentarspalte, und würde man ins Herz einiger Mitglieder meiner Partei schauen, so erkennt man durchaus die Fragestellung, warum denn wir Linke uns so eindeutig auf die Seite der Menschen stellen, die hierher kommen um Schutz oder ein besseres Leben zu finden. Natürlich heißen diese Menschen in der aktuellen Debatte nicht mehr „einwandernde Arbeiter“, sondern nach Bedarf Asylbewerber, Asylanten, Scheinasylanten, Wirtschaftsflüchtlinge und wer weiß wie noch, nebenbei bemerkt glaube ich auch damals nannte man lieber diverse Schimpfworte als einen Terminus technicus. Und natürlich ist schon der Begriff „Arbeiter“ inzwischen so vielfach veraltet, zerstört, umdefiniert, dass er in unseren Ohren geradezu altbacken klingt. Dennoch ist es im Kern das gleiche Problem: Schaarenweise verlassen Menschen ihre Heimat, weil anderswo ein besseres und oft genug das einzig erreichbare gute Leben lockt. Ob diese Verlockung real ist oder den falschen Versprechungen von Profiteurinnen und Profiteuren entspringt ist egal: Den Dürstenden erscheint die Fata Morgana als Ziel unwiderstehlich.

Die Genossinnen und Genossen haben diese Thematik vor über 100 Jahren diskutiert. Sehr kontrovers, man kann die Diskussion gut in den Kommissionsmitschriften (ab Seite 113) und in der Debatte in der Plenarversammlung (ab Seite 58) verfolgen. Und am Ende haben sie eine Resolution verabschiedet, die ich abgeschrieben habe, weil sie im Internet nicht als eigenständiger Text zu finden war.

Um die Wirkung einer solchen Diskussion und Resolution zu verstehen muss man sich vor Augen führen, vor welchem gesellschaftlichen Resonanzboden dieser Kongress stattfand: Er begann mit einer Massenkundgebung, zu der auf dem Wasen in Stuttgart 60.000 Menschen erschienen waren. So groß war die Kraft der organisierten Arbeiterschaft im damaligen Deutschland. Und in den Reden der wichtigsten Vertreterinnen kann man, wenn man sie in sich klingen lässt, die Ernsthaftigkeit hören, mit der diese ihre junge Bewegung voranbringen wollten.

In der Diskussion um den richtigen Umgang mit den einwandernden Arbeitern siegte etwas, was bis heute die Haltung links denkender Menschen prägt, oder besser: aus meiner Sicht prägen muss. Ein Zuwendung zum Schicksal Einzelner, ohne dabei entpolitisiert caritativ zu werden. Und eine Höherstellung der Solidarität mit den Schwächsten über die materielle Interessenvertretung derer hinaus, die schon etwas errungen haben.

Wundern wir uns also nicht, wenn in der heutigen Debatte Hass und Neid der wenig Habenden auf die noch weniger Habenden vorkommen: Das ist weder neu noch überraschend. Es war schon immer da. Und die Methoden reaktionärer Politik, diesen Hass, diesen Neid politisch für sich zu nutzen sind sicherlich seit 1907 immer weiter verfeinert worden. Was wir tun müssen ist eine Grundhaltung dagegen zu setzen. Sie zeigt sich im Eingangszitat meines Artikels, sie zeigt sich im Geist der Resolution des Kongresses, und sie zeigt sich im instinktiven Ekel, den die meisten von uns gegenüber den PEGIDA-Demonstrationszügen in Dresden empfinden. Diese Haltung aber ist nicht schwärmerisch oder „gutmenschlich“: sie ist geprägt von Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen einerseits und dem rationalen Wissen andererseits, dass diese Schwächeren die Bündnispartner im langen Kampf sein müssen, der früher einmal klar und deutlich Klassenkampf hieß.

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