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Vertreibung

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Ach diese Erkenntnis. Dieser Wunsch, alles zu verstehen. Und dann, wenn man es verstanden hat, wenn das Fragliche eingehegt ist in einen Oberbegriff und Abgrenzungen zu anderen Begriffen, die diesem Oberbegriff zuzuordnen sind und wenn die letzte Hoffnung auf Wärme hinweggepustet ist mit einem kühlen, wissenden Gesichtsausdruck: Dann sind wir vertrieben.

Als ich „Unerlaubte Entfernung“ von Jane Ann Igel las war ich wieder in der Ödnis. In der Unteroffiziersschule in Weißkeißel. Dem Ort sei nichts Böses nachgesagt, aber in den Stuben, in denen wir untergebracht waren und auf den Wegen die wir gingen und an den Tischen an denen wir aßen war alles so, dass man es hätte Weißkeißel nennen können.

Ich lag also mit 19 Jahren dort, in einem Zimmer mit 7 weiteren Kameraden und war verloren. Nichts war böse: Nein. Nichts feindlich, nicht feindlicher als ein normaler Alltag in einer Kaserne. Aber ich war dennoch verloren.

Es gab einen Münzfernsprecher, und während der ersten 6 Wochen der Grundausbildung genau einmal die Möglichkeit anzurufen. Eine lange Schlange stand vor diesem Telefon, gebildet aus allen Unteroffiziersschülern die dort warteten. Jeder einzelne hoffend auf ein paar Minuten Verbindung nach draussen. Und dann, nach einer Stunde vielleicht, war ich an der Reihe. Das 20-Pfennig-Stück eingeworfen,die Nummer gewählt, die das Telefon im Flur meiner Eltern hatte, das lang erwartete damals, und das Freizeichen im Ohr und Mutters Stimme.

An einem Abend lag ich im Bett und hatte Angst. Wir waren im September eingezogen worden, das Jahresende nahte, und ich stellte mir vor meine Großmutter, die mir alles war obwohl sie garnicht meine Großmutter war sondern die Mutter des Mannes den meine Mutter dann zu meinem Vater machte, ich stellte mir vor, sie könnte an diesem nahenden Weihnachtsfest nicht mehr da sein. Sie würde sterben und ich hätte nicht Abschied nehmen können weil ich hier in Weißkeißel war.

Wir hatten Truppenpraktikum, später dann, 6 Wochen lang, und ich war mit einigen Kameraden eingesetzt an der heutigen Stauffenbergallee. Wir waren in Ausbildung, und das bedeutete: Kein Ausgang. Also blieben wir in der Kaserne, und vor den Mauern rauschte die Stadt. Meine Stadt. Ich roch sie. Ich hörte sie. Ich war zu Hause, nur ein paar Busstationen entfernt, die 61 hätte ich nehmen können und in Mickten aussteigen können und wäre da gewesen wo ich eigentlich hingehörte. Ich war zu Hause und doch nicht zu Hause: Verloren.

Man kann einen Oberbegriff suchen. Für Heimat. Und dann Abgrenzungen für alle anderen Begriffe, die zu diesem Oberbegriff zuzuordnen sind. Kühl kann man dann alle meine Sehnsucht, alle meine Furcht, alle meine Hoffnung hinwegpusten von diesem Begriff und hat ihn erkannt. Manche müssen das tun. Weil sie wissen, dass das Paradies nur ein Versprechen ist und keine Realität wählen sie die Realität der Vertreibung.

Ach hätten sie doch die Fähigkeit, das Irdische wie ein paradiesisches Versprechen erscheinen zu lassen und nicht wie einen kalten fremden Ort.

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